Weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus ist die in diesem Städteverbund angesiedelte Route Industriekultur bekannt. Ihre „kleine Schwester“, die Route Industrienatur, ist dagegen leider deutlich weniger Menschen ein Begriff. Aktuell besteht diese Route aus 19 verschiedenen Anschauungsorten (Stand: Januar 2017). Einer dieser Standorte ist der sich in Essen an der Grenze zur Nachbarstadt Oberhausen befindende Gleispark Frintrop, der bis zum Jahr 2007 Ruderalpark Frintrop genannt wurde. Das Gelände ist circa 25 Hektar groß und grenzt an Wohngebiete, weshalb es sowohl mit dem Pkw als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen ist.

Auf den ersten Blick wirkt der Begriff Industrienatur wie ein Widerspruch in sich. Dort, wo sich Industrie befindet, hat die Natur keinen Platz, so lautet die weit verbreitete Meinung. In Wahrheit verbirgt sich hinter diesem Wort aber eine besondere Tier- und Pflanzenwelt, die sich im Ruhrgebiet an jenen Stellen ansiedeln konnte, wo einst die Industrie ihren Platz hatte und inzwischen weichen musste. Wo sich heute der Gleispark befindet, erstreckten sich früher die Gleise des Rangierbahnhofs Essen-Frintrop, der vor allem für den industriellen Güterverkehr genutzt wurde. Er war an das Streckennetz der Köln-Mindener Eisenbahn angeschlossen, die im Jahr 1847 gebaut worden ist. Stillgelegt wurde der Bahnhof in den 1960er Jahren, denn die Montanindustrie erlebte in dieser Zeit ihren Niedergang, weshalb auch die entsprechenden Güter in kaum mehr lohnenden Mengen transportiert werden mussten. Lange Zeit langen die Gleise noch im Boden, doch inzwischen sind sie längst entfernt worden, sodass man dieser Naturoase heute nicht unmittelbar ansieht, welchen Zweck diese Gegend einst erfüllte.

Der Güterverkehr, der lange Zeit in Frintrop abgewickelt wurde, hat die Umgebung maßgeblich beeinflusst. Weil die Waggons mit industriellen Produkten wie Stahl, Kohle, Eisenerz und Kalk beladen waren, gelangten diese Substanzen in Form von Ladungsverlusten immer wieder – meist in kleinen Mengen – auf den Boden. Der Schotter der Gleisanlagen tat sein Übriges, denn er erhitzt sich durch die Sonneneinstrahlung enorm. Dadurch ist die darunter liegende Erde stark ausgetrocknet. Nach und nach wurde so der Wasserhaushalt des Untergrundes verändert, was sich wiederum auf das gesamte Mikroklima des Areals auswirkte. Heute mutet das Gebiet teilweise steppenartig an, es konnten sich bisher vor allem die typischen Pionierpflanzen erfolgreich ansiedeln. Außerdem erwärmt sich vor allem der Bereich, in dem nach wie vor Schotter den Boden bedeckt, im Sommer sehr stark – Teile des Gleisparks sind somit eine echte Wärmeinsel, die das Überleben wärmeliebender Arten begünstigt.

Damit die Landschaft nicht verbuscht, wird die Vegetation in Pflegeeinsätzen von Zeit zu Zeit stark gekürzt. Dabei werden beispielsweise die Brombeerbüsche zurückgeschnitten, um sie daran zu hindern, alles zu überwuchern. Bei der Bevölkerung sind diese Pflegemaßnahmen teils umstritten, weil vielen Menschen nicht bewusst ist, wie wichtig offene Landschaftsteile sind und wie rasch sie im Zuge der natürlichen Sukzession verbuschen und letztlich zu Wald werden würden. Es sind gerade diese offenen Teile des Gleisparks, in denen sich besonders viele Arten beobachten lassen.

Zu den Tieren, die dort leicht zu finden sind, gehören vor allem Insekten. Herausragend sind dabei die Blauflügelige Sandschrecke und die Blauflügelige Ödlandschrecke, die beide auf warme Standorte angewiesen sind und in Nordrhein-Westfalen beide als stark gefährdet gelten, siehe Liste des LANUV NRW. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel mit dem Kleinen Sonnenröschen-Bläuling, einer Tagfalterart, die ich selbst im Gleispark Frintrop bereits mehrfach beobachten konnte. Ihre Bestände gelten in unserem Bundesland ebenfalls als gefährdet. Imposant sind die im Sommer an vielen Stellen in ihren Netzen sitzenden Wespenspinnen, die den warmen, offenen Bereich des Gleisparks bewohnen. Außerdem kommen in dem Gebiet Säugetiere wie Wildkaninchen vor, auch Feldhasen soll es geben. Gesehen habe ich letztere allerdings selbst bisher noch nicht. Für Vogelbeobachter dürfte es von Interesse sein, dass rund um den offenen Bereich im westlichen Abschnitt des Gleisparks im Sommer mit etwas Glück singende Baumpieper beobachtet werden können. Darüber hinaus gibt es dort im Frühling und Sommer drei Grasmückenarten: Dorngrasmücke, Gartengrasmücke und Mönchsgrasmücke. Gelegentlich durchstreifen im Frühling auch Klappergrasmücken die Gegend.

Neben dieser offenen Landschaft im westlichen Teil des Gleisparks befindet sich in dessen östlichem Teilgebiet ein Birkenwäldchen, in dem außerdem verschiedene kleine Sträucher und Pflanzen das „Unterholz“ bilden. Dort gedeihen Spezies wie zum Beispiel der Schwarze Nachtschatten, Gewöhnlicher Natternkopf, Tüpfel-Johanniskraut und Brombeeren. Einige Vogelarten haben den Wald als Heimat für sich erschlossen, darunter Ringeltauben, Amseln und verschiedene Meisenarten sowie Schwanzmeisen. Ferner bewohnen etliche Insektenarten diesen kleinen „Wald“. Für all jene, die sich für nachtaktive Falter interessieren, gibt es einen sehr guten Anlaufpunkt. Gegenüber jener Stelle, an der die Wertstraße und die Zugstraße von der Dellwiger Straße abzweigen, befindet sich eine beleuchtete Unterführung, durch die man den Gleispark erreichen kann. Das Kunstlicht dieser Unterführung zieht im Sommer viele Nachtfalter an, die man dort gut beobachten kann. Allerdings sei auch erwähnt, dass die Unterführung leider häufig von Passanten zum Urinieren genutzt wird, weshalb es dort ziemlich stinken kann.

Ganz im Westen befindet sich ein Teilbereich des Gleisparks, der sich momentan stark im Wandel befindet (Stand: Sommer 2017). Dort wird ein Gewässerlauf renaturiert: Läppkes Mühlenbach hat bereits ein mäanderndes Bett erhalten, fließt aber momentan noch unterirdisch durch Rohre. Sobald das Schmutzwasser und das saubere Bachwasser getrennt werden können, wird der Bach wieder oberirdisch verlaufen. Bereits jetzt haben die Pflanzen die neu angelegten Hänge zu besiedeln begonnen und die Wildkaninchen nutzen den lockeren Boden, um dort Gänge anzulegen. Der Bachlauf ist eingezäunt, um zu verhindern, dass an seinem Ufer zu viele Trittschäden entstehen. Dies gilt auch für das kleine Gewässer, das im Frühling 2017 mitten im Gleispark für Kreuzkröten angelegt wurde. Es ist sehr flach und trocknet immer wieder aus, was so gewollt ist, denn Kreuzkröten laichen in Temporärgewässern. Weil es im benachbarten Gehölzgarten Ripshorst und am bereits renaturierten Teil von Läppkes Mühlenbach Kreuzkröten gibt, ist es relativ wahrscheinlich, dass sie bald auch das kleine Gewässer im Gleispark besiedeln werden.

Abgesehen von all dem Positiven gibt es bedauerlicherweise auch einen negativen Aspekt rund um den Gleispark. Alles in allem sind Naturspaziergänge vor allem währen der warmen Jahreszeit in dem Gebiet sehr interessant, weil es viel zu beobachten gibt. Problematisch ist jedoch die sehr starke Nutzung als Hunde-Freilufttoilette. Bedauerlicherweise entfernt der Großteil der Hundebesitzer die Hinterlassenschaften der Vierbeiner nicht, weshalb der Gleispark den Namen „Scheißpark“ leider durchaus ebenfalls tragen könnte. Insbesondere an heißen Sommertagen kann es durch die vielen Kothaufen zu einer unangenehmen Geruchsbelästigung kommen. Wer die Natur erkundet, sollte generell unempfindliche Schuhe tragen, weil es sehr leicht geschehen kann, dass man in einen der unzähligen Haufen tritt.

Anzahl der seit dem Sommer 2016 in dem Gebiet von mir beobachteten und bestimmten Arten

168 Schmetterlingsarten
83 Käferarten
45 Vogelarten
45 Wanzenarten
39 Hautflüglerarten
23 Spinnenarten
17 Schwebfliegenarten
12 Heuschreckenarten
6 Libellenarten

Im Folgenden finden Sie Fotos aus dem Gleispark, die Ihnen zeigen, wie es dort aussieht. Weiter unten auf dieser Seite gibt es zudem Links zu weiteren Fotosammlungen, die Fotos von Tieren und Pflanzen aus dem Gebiet zeigen. Außerdem finden sich ganz unten einige Linktipps.

Impressionen aus dem Gleispark Frintrop

Weitere Fotosammlungen aus dem Gleispark Frintrop

Schmetterlinge aus dem Gleispark Frintrop
Käfer aus dem Gleispark Frintrop
Weitere Tiere aus dem Gleispark Fritrop
Pflanzen und Pilze aus dem Gleispark Frintrop


Linktipps

Gleispark Frintrop bei Wikipedia.de
Gleispark Frintrop bei Route Industrienatur
naturgucker.de-SymbolDas Gebiet bei Naturgucker.de